Die Funkanalyse Frankreichs


Die anhaltende Bedrohung durch das starke Deutschland war Antrieb genug für die französischen Kryptanalytiker, Frankreich mit genauen Aufklärungsplänen zu versehen.
Vor diesem Hintergrund schrieb Auguste Kerckhoff 1883 seine Abhandlung "La Cryptographie Militaire". Darin beschreibt er Regeln, die jeder befolgen sollte, der ein Geheimnis bewahren will.
30 Jahre später, zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, hatte das französische Militär Kerckhoffs Vorstellungen in geradezu industriellem Maßstab verwirklicht. Geschulte Fachgruppen sorgten für die tägliche Entschlüsselung jeweils einer bestimmten Chiffre. Denn: Zeit war ein entscheidender Faktor. Diese Methode war nicht nur schnell, sondern auch sehr effizient. Es gab eine ganze Reihe neuer Chiffren, doch alle waren Variationen oder Kombinationen von Chiffren aus dem 19.Jahrhundert und damit zu knacken.

Georges Painvin

Das ADFGVX-System wurde erstmals im März 1918 in Vorbereitung einer Offensive eingesetzt. Die Franzosen standen zunächst vor einem scheinbar unlösbaren Problem. In der Zwischenzeit, als die deutsche Artillerie nur noch 100 Kilometer von Paris entfernt war, entzifferte der Kryptanalytiker Georges Painvin nach wochenlanger intensiver Arbeit quasi als Einzelkämpfer am 02. Juni 1918 einen ADFGVX-Funkspruch. Weitere Entschlüsselungen waren die Folge, darunter ein Funkspruch mit dem Befehl "Sofortige Munitionslieferung. Auch bei Tage, wenn nicht beobachtet.". Der Kopf der Nachricht deutete auf eine Stelle zwischen Montdidier und Compiegne, etwa 80 Kilometer nördlich von Paris. Die deutschen Truppen hatten den Überraschungsmoment verloren und wurden in einer Schlacht zurückgeworfen.

Das größtes Problem der Kryptanalytiker war der enorme Umfang des Fernmeldeverkehrs. Die Franzosen hörten schätzungsweise während des Ersten Weltkrieges 100 Millionen Wörter aus dem deutschen Nachrichtenverkehr ab. Sie leisteten auch die wirksamste Arbeit. Bereits zu Kriegsbeginn waren sie die stärkste Gruppe von Codebrechern in ganz Europa.

Die Franzosen übten sich aber nicht nur in der Kunst der Kryptanalyse, sie entwickelten auch einige ergänzende Techniken für die Funkaufklärung. Beispielsweise lernten die französischen Horchposten, die "Handschrift" eines Funkers zu erkennen. Verschlüsselte Nachrichten wurde im Morse-Code versandt. Dabei erkannten die Franzosen die einzelnen Funker anhand der Pausen, ihrer Schnelligkeit und der relativen Länge von Punkten und Strichen. Außerdem richteten sie sechs Peilstationen ein, die der Herkunftsbestimmung der Meldungen dienten. Die Richtungsinformation zweier oder mehrerer Peilstationen ermöglichten die genaue Lokalisierung der feindlichen Sender. Die Auswertung der "Handschrift" und der Richtungsinformationen zeigte, wo sich welches Bataillon befand. Diese Form der Aufklärung, die sog. Funkverkehrsanalyse, war besonders wichtig, wenn die Chiffren nicht rechtzeitig geknackt werden konnten.


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