Verschlüsselung für die Allgemeinheit ?


Im Zuge der Auseinandersetzung zwischen Zimmermann und der Justiz wurde eine rege Diskussion in der Bevölkerung zum Thema starke Verschlüsselung für die Allgemeinheit entfacht. Es entstanden im wesentlichen zwei Lager. Zum einen waren die Bürgerrechtsgruppen der Meinung, dass die Privatsphäre ein wertvolles Gut sei. Jeder Bürger sollte die Möglichkeit haben sich vor Abhöraktionen zu schützen. Auf der Seite der Bürgerrechtler standen auch grosse Firmen, die im Zeitalter des Internet-Handel auf wirkungsvolle Verschlüsselungsverfahren angewiesen sind. Ein aktuelles Beispiel hierzu: In den USA gibt es noch immer ein Gesetzt, das den Export von Verschlüsselungssoftware mit Schlüssellängen >128 Bit verbietet. Deshalb haben wir die Situation, dass man in den USA per SSL und bspw. Netscape sicherer einkaufen kann als in Deutschland. Denn hierzulande sind nur die 128 Bit Versionen von Netscape, MS Internet Explorer und co im Umlauf. Aber auch digitale Unterschriften sind mit PGP möglich. Ein Vertrag kann so online abgeschlossen und mit den einzigartigen digitalen Signaturen der Beteiligten unterschrieben werden. Eine andere Motivation für grosse Firmen, sich auf die Seite der Bürgerrechtler zu stellen, wird durch die Problematik der Betriebsspionage thematisiert. Die Angst, sich in der Erprobung befindliche und noch nicht patentierte Entwicklungen durch Spionage an andere (ausländische) Firmen zu verlieren, ist allgegenwärtig. Würde die gesamte Kommunikation und Datenhaltung auf einem kryptographischen Verfahren basieren, das grössere Schlüssellängen anbietet, könnte man die Gefahren der Spionage minimieren.

Auf der anderen Seite stehen die Strafverfolger, deren grösstes Argument für die Beschränkung von Verschlüsselungssoftware die Beweissicherung bei Abhöraktionen darstellt. Ohne diese Gesetze hätte man keine Handhabe mehr gegen Kriminalität und Verbrechen. Sie argumentieren weiter, dass sich Waffen und Drogenhandel über die weltweiten Datennetze organisieren. Man müsse in der Lage sein, ihre Kommunikation (EMail, Fax) im Klartext zu lesen, um der Kriminalität Einhalt zu gebieten.

Von Bürgerrechtlern umstritten ist das globale Abhörsystem "Echelon", das in der Lage ist, Millionen E-Mails, digitale Telefongespräche, Faxnachrichten, die zeitgleich über die Datenleitungen transportiert werden, in Echtzeit auf bestimmte Schlagworte hin zu überprüfen. Trifft ein Schlagwort zu (z.B. Terrorist), dann wird die Mail oder das mitgeschnittene Fax/Telefongespräch in eine Queue zur weiteren Analyse gelegt. Das Hauptproblem hierbei ist, dass unbescholtene Bürger in grossem Umfang abgehört werden. War früher noch ein beträchtlicher Aufwand nötig, um Personen zu belauschen (Anzapfen der analogen Vermittlungsstelle, unbemerktes Lesen von versiegelten Briefen), wird heutzutage in grossem Umfang kostengünstig gelauscht. Backbones der grossen Internetprovider sollen mit Schnittstellen ausgerüstet werden, die der Echelon Spezifikation genügen. So ist es für staatliche Institutionen kein Problem mehr, die Kommunikation seiner Bürger abzuhören. Ron Rivest, Miterfinder von RSA schildert die Situation in einem Gleichnis:

Es ist schlechte Politik, eine bestimmte Technik unterschiedslos zu verdammen, nur weil ein paar Kriminelle vielleicht in der Lage sind, sie zu ihrem Vorteil auszunutzen. So kann jeder amerikanische Bürger ohne weiteres ein Paar Handschuhe kaufen, obwohl ein Einbrecher damit ein Haus ausräumen könnte, ohne Fingerabdrücke zu hinterlassen. Die Kryptographie ist eine Datenschutztechnik, und Handschuhe sind eine Handschutztechnik. Die Kryptographie schützt Daten vor Hackern, vor Betriebsspionage und Betrugskünstlern, während Handschuhe die Hände vor Schnitten, Kratzern, Hitze, Kälte und Infektionen schützen. Mit dem einen kann man sich vor Abhöraktionen des FBI schützen, mit dem andern kann man die Fingerabdruck-Auswertung durch das FBI verhindern. Kryptographie und Handschuhe sind spottbillig und überall zu haben. Tatsächlich kann man gute Kryptographiesoftware aus dem Internet herunterladen und bezahlt dafür weniger als für ein gutes Paar Handschuhe.
Aus: Simon Singh - Geheime Botschaften, Seite 371


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